Ein bisschen unperfekt

Auch wenn Herman Cohen anderer Meinung ist: Wir brauchen das Buchstäbliche!

Jemand könne doch schließlich nicht buchstäblich aus der Haut fahren, meint in den sehr perfekten Unperfekten von Tom Rachman der sympathisch-pendantische Chefkorrektor Cohen. Und wenn dies doch jemandem gelinge, sei es der nächste Aufmacher. Doch die Meckerei hat damit noch kein Ende: Nicht nutzen reicht Herman Cohen nicht. Löschen will er das Wort.

Auch wenn in der Übersetzung sicher einiges verloren geht und man (um der Pedanterie von Herman genüge zu tun) eigentlich jetzt noch das englische Original dazu legen müsste, lässt sich doch auch mit etwas weniger Genauigkeit feststellen: Verstehen kann man das schon. Schließlich geizen auch unsere Medien nicht mit der unnützen Verwendung und wahrscheinlich kann man in mindestens 95% der Fälle getrost auf die 12 Buchstaben verzichten.

Aber da ist dann noch dieses aber… Denn zu einer wunderbaren, feinen Kleinigkeit brauchen wir das Buchstäbliche: Um klar zu machen, dass wir bei der Benutzung von Redensarten und Sprichwörtern tatsächlich das meinen, was wir sagen. Was ist denn, wenn jemand wirklich mal die Brücke abreißt, über die er gerade gelaufen ist (so wie Alec Guiness buchstäblich die Brücke am Kwai hinter sich abgerissen hat)? Oder wenn ein anderer seine Vorhänge am liebsten bei IKEA kauft (und damit buchstäblich hinter schwedischen Gardinen sitzt)?? Und da gibt es doch auch noch die Hühner, die ein chinesischer Junge buchstäblich zu Tode erschreckt hat (Spiegel). Und die dann nicht mit dem Schrecken davon gekommen sind. Vor allem nicht buchstäblich.

Lieber Herman Cohen, wir brauchen das Buchstäbliche! Für die wenigen Gelegenheiten, in denen ein „wirklich“ oder „tatsächlich“ einfach zu lahm klingt. Und keine Sorge, wir haben die Unperfekten nicht buchstäblich verschlungen. Denn das wäre ja wirklich schade drum.

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