Schneider vs. Facebook

Wer lehrt uns das gute Schreiben?

Wir Schreiber sind Profis, ohne Frage. Spätestens, seit wir uns an Wolf Schneider gehängt haben. Die Substantivitis haben wir mit ihm auskuriert, mit Adjektiven treffen wir besser als Amor mit seinen Pfeilen und der weiße Schimmel ist schon lange davongeritten. Doch gutes Schreiben, so schien es lang, kannte zwar viele selbsternannte, aber nur wenige wirklich respektierte Päpste.

Nun taucht eine neue Institution fürs Schönschreiben auf. Das Schreiben im Internet macht uns nicht nur klüger. Die These ist: Es macht uns auch besser schreiben. Weil wir drauf aus sind, viel zu gefallen, schreiben wir so gut, wie wir nur können. Feilen jede Formulierung rund, und seien es nur 140 Zeichen. Denn der witzige, der emotionale, der treffende, der nie genau so formulierte Text ist die Währung, mit der wir Re-Tweets, Gefällt mirs oder Follower kaufen. DIe Interpunktion wird notfalls live korrigiert, denn fehlerfrei gehört schon auch dazu.

Manch einer äußert Zweifel an der Schreibbildung durchs Internet. Wer 140 Zeichen kann, ist mit einer Seite vielleicht schon überfordert – mit 140 sowieso. Die schöne Sprache selbst ist kein Garant für Klicks und Likes, das unentdeckte Katzenbild, der irre Link tun hier ihr Übriges dazu. Und man möchte erst gar nicht anfangen, die vielen Tweets und Posts und Blogeinträge vorzustellen, die der Sprache und uns selbst nicht sehr viel Gutes tun. Die Kommentare erst! Wird auf Klarnamen verzichtet, wird‘s auf Schreibkunst meistens auch. Und unsere Jugend ist durch chatten, twittern und simsen sprachlich sowieso schon recht versaut.

3,6 Billionen Wörter werden jeden Tag ins Internet getippt, auf Facebook und Twitter, in Mails und Blogs. Da könnte man meinen, dass allein die Menge und Häufigkeit des Schreibens die Schreiber besser macht. Übung und Meister und so. Gleichzeitig wird jeder zum Eigenverlag. Und in meiner persönlichen Sache schreibe ich lieber nicht schlecht. Beim Brief an Oma haben wir uns früher zwar auch alle Mühe gegeben, die Anekdote mit dem Hund und den Hausgaben anschaulich, verständlich und kurzweilig aufzubereiten. Aber sie war sicher nachsichtiger als unsere Folgeschar.

Denn ja: Das Internet, es dient der Schreibkultur! Wer es schafft, in 140 Zeichen eine klare Botschaft zu vermitteln und dabei auch noch witzig (anrührend, spannend, ironisch…) zu sein, der kann kein schlechter Texter sein. Dass jeder Re-Tweet eine Anfeuerung ist, versteht sich von selbst. Wem es gelingt, durch wenige Zeilen Freunde und Freunde von Freunden vom Gefallen zu überzeugen, ist oft wohl nicht minder talentiert. Gleiches gilt fürs „lange Wort“: Wer einen Blog mit treuer Stammleserschaft betreibt, findet die richtigen Themen und bereitet sie richtig auf. Das kann natürlich auch ein ausgefeiltes Bratenrezept mit ansprechenden Bildern sein – und trifft daher sicher nicht immer den (Wort-)Geschmack eines anspruchsvollen Essayisten. Doch bringt das Internet eine wunderbare Vielfalt fürs geschriebene Wort. Blogs und Onlinemagazine sind ein Teil davon. Plattformen, wo der Schreiber sich auch abseits formalisierter Redaktionsjobs ausprobieren kann.

Und Monsieur Schneider? Ist davon längst noch nicht bedroht. Denn jedes durchdacht gesetzte Wort ist ein Geschenk für unsere Sprache. Und für den Schreibpapst dann sicher auch.

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